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von Prof. Dr. Volker Klotz em.
12. Februar 2018;

Klaus Hilzinger (1946-2018) war seit 1986 am Institut für Literaturwissenschaften in der Abteilung Neuere Deutsche Literatur der Universität Stuttgart beschäftigt – als Professor auf Zeit und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter und außerplanmäßiger Professor. Er starb am 20. Januar 2018. Ein Nachruf von Prof. Dr. Volker Klotz em.:

 

Es geht um den verstorbenen Klaus Harro Hilzinger, der mir in vielen Jahren der liebste unter den Stuttgarter Freunden geworden ist, aber auch der meist bewunderte unter den lehrenden Kollegen am Institut für Literaturwissenschaft.

Erstmals gehört und gesehen habe ich diesen seltsamen Mann bei seiner Bewerbung um die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, aus der er, nach einhelligem Urteil der Kommission, als geeignetster hervorging. Erstmals seltsamer und seltsamer Mann? Seltsam, zunächst geradezu befremdlich, sprach Hilzinger in freier Rede die kniffligsten Satzperioden in unfehlbarer Vollendung. Er sprach sie auch aus in schier keimfreier Artikulation.

Später erfuhr ich von ihm selber, der im schwäbischen Tuttlingen aufgewachsen ist unterm schattenwerfenden Vater und Schuldirektor, dass dieser gestrenge Familien-Patriarch seinen Söhnen jeden Anflug von lokaler Mundart restlos ausgemerzt hat, um ihrem gesellschaftlichen Erfolg den Weg zu bahnen. Ähnlich quälend war für den Knaben Harro, der sich früh als vorzüglicher Klavierspieler erwies, der väterliche Zwang, wenn Besuch ins Haus kam, vor den Gästen in die Tasten zu greifen. Das Grauen vorm Vorspiel blieb, aber auch die Freude an klassischer Musik. Nicht minder verstand er sich auch theoretisch auf Musik und ihre Geschichte besser als irgendwer im Umkreis.

So nah wir, Hilzinger und Ich, einander im Lauf der Jahrzehnte gekommen sind, er hat mich nie die rätselhaften Gründe wissen lassen für seinen diskrepanten Lebenswandel. Das heißt, wieso da jemand, der eine beachtliche Doktorarbeit über Dokumentartheater verfasst hatte und eine hervorragende, aber nie veröffentliche Habilitationsschrift über das ästhetische Prinzip der Montage und Collage in den avantgardistischen Künsten, wieso ein derart scharfsinniger und versierter Forscher sich begnügt hat mit der bescheidenen Rolle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters.

Dass er diese Rolle weit übers Soll hinaus exzellent erfüllt hat als Dozent, Betreuer, Prüfer; dass er in seinen Lehrangeboten, im Unterschied zu manchen Professoren, eine Vielfalt anspruchsvoller Themen seiner Hörerschaft nahezubringen verstand – allemal kompetent in der Sache wie in der adäquate Methode – das bescherte ihm großen Zulauf. Zumal nach den wirbeligen Neubesetzungen der beiden Lehrstühle für Neuere Deutsche Literatur und der gewaltsamen Einführung des Bachelor-Studiums. Zu dieser Zeit erlitt Hilzinger einen ersten lebensbedrohlichen physischen Zusammenbruch, verursacht durch maßlose Überarbeitung: Er hatte mehr Prüflinge zu betreuen als alle andern Kollegen zusammen. Hiervon konnte er sich auch im Ruhestand nicht restlos erholen, bis zu seinem Tod. Dennoch blieb er, auch jenseits des universitären Alltags, der produktivste Teilnehmer unsres wissenschaftlichen Arbeitskreises Work in Progress. Und wenn da allzu oft die Diskussionen um individuelle Forschungsprojekte zersplitterten, erhob sich regelmäßig Meister Hilzinger (alle andern sprachen im Sitzen) und hielt eine druckreife Rede, welche virtuos und unerbittlich die bislang schmerzlich vermissten Fluchtlinien unsres Debatte-Durcheinanders herstellte. Stehend konnte er weiter blicken als wir, die drunten Sitzenden, die es sich bequem machten, ob mit oder ohne Lehrstuhl.

Vielleicht erklärt dieses bleibende Bild des seltsamen Mannes – als ragender Leuchtturm, richtungweisend für orientierungsschwache Schiffbrüchige – die absonderliche Diskrepanz seines akademischen Lebenslaufs. Mein persönlicher, überdauernder Eindruck von dem Freund, den ich weder Klaus noch Harro nannte: ein zartsinniger wuchtiger Kerl, in dessen Naturell wissenschaftliche Kompromisslosigkeit, Musikalität und un-selbsüchtige Menschenfreundlichkeit sich vereinte, ohne dass es knirschte. Diese und noch etliche andere Vorzüge Klaus Harro Hilzingers machen seinen leisen Abgang beweinenswert.